Inklusive Mädchenmannschaft in Köln geht neue Wege

Inklusive Mädchenmannschaft in Köln geht neue Wege

Wie entsteht aus einer Idee ein Ort, an dem Mädchen mit und ohne Beeinträchtigung selbstverständlich zusammen Fußball spielen? Tobias Gemein hat in Köln eine neue Initiative gestartet - mit einer Mannschaft, die bewegt, berührt und zeigt, wie Inklusion im Sport wirklich gelebt werden kann. FUSSBALL.de stellt ein besonderes Projekt vor.

An einem Dienstagnachmittag in Köln-Lövenich ist schnell klar: Hier geht es nicht darum, wer am härtesten schießt oder am schnellsten sprintet. Hier geht es um Zugehörigkeit. Um Mädchen, die gemeinsam auflaufen, sich abklatschen, lachen - und sich ganz selbstverständlich gegenseitig unterstützen. Kurz gesagt: Mädchen, die gemeinsam Fußball spielen und dabei Spaß haben. "Es soll kein Kind neben dem Sportplatz mehr stehen", sagt Tobias Gemein. Dieser Satz ist mehr als ein Motto. Er ist der Kern einer Idee, die inzwischen vielen Familien in Köln und darüber hinaus Hoffnung macht.

Inklusion immer im Fokus

Gemein ist Gründer und sportlicher Leiter von all inclusion SPORTS. Der Verein wurde im Mai des vergangenen Jahres ins Leben gerufen - als erster inklusiver Indoor-Sportverein der Region. Indoor ist dabei kein Zufall, sondern Konzept. Wetterunabhängig, mit einem klaren Rahmen, der Sicherheit gibt. "Fester Ablauf, gleiche Halle, gleicher Platz - für viele Kinder ist das essenziell", erklärt Gemein. Was als mutiger Start begann, ist in kurzer Zeit gewachsen. Mittlerweile hat der Verein mehr als 110 Mitglieder, sieben Trainingsgruppen an den Standorten in Köln und Bonn. Fußball ist dabei das stärkste Segment - mit Kindern und Jugendlichen von sechs bis 18 Jahren.

Doch mitten im Erfolg zeigte sich eine Lücke, die es zu füllen galt: fußballbegeisterte Mädchen in inklusiven Strukturen. Gemein beschreibt es so: In vielen Inklusionsmannschaften seien von 20 Kindern "maximal zwei, wenn es gut läuft drei Mädels". Wer als Mädchen mit Beeinträchtigung Fußball spielen will, erlebt deshalb häufig eine doppelte Hürde: Erst überhaupt ein passendes Angebot finden - und dann darin zwischen den ganzen Jungs nicht unterzugehen.

Bei all inclusion SPORTS wurde diese Unsichtbarkeit zum Auslöser für etwas Neues. In Köln und Bonn gründete der Verein vor rund drei Monaten eine inklusive Mädchenmannschaft. Das gab es bisher weder in Köln noch in Bonn. Aktuell bestehen die Teams aus etwa 15 Spielerinnen. Der Ansatz ist an beiden Standorten gleich. Inklusion steht im Fokus aller Aktivitäten. "Bei uns haben ungefähr 70 Prozent der Spielerinnen eine Beeinträchtigung", sagt Gemein, der die Teams ins Leben gerufen hat, damit Mädchen mit verschiedenen Voraussetzungen nicht nur nebeneinanderher trainieren, sondern auch miteinander spielen.

Was dabei entsteht, wirkt auf den ersten Blick fast unspektakulär. Und gerade deshalb ist es so besonders. Eine neue Spielerin kommt dazu, ist anfangs schüchtern, kennt vielleicht Ablehnung aus anderen Vereinen. Und dann passiert das, was man nicht planen kann: Die Mannschaft nimmt sie herzlich auf. "Die Mädels unterstützen uns Trainer teilweise sogar", erzählt Gemein. Gerade in einer Altersspanne, die im klassischen Spielbetrieb oft als schwierig gilt - von sechs, sieben Jahren bis hin zu 14, 15 - funktioniert das Miteinander hier auffallend gut.

Dass das gelingt, hat auch mit dem hohen Betreuungsstandard zu tun. Bei all inclusion SPORTS arbeitet ein Team aus Fußballtrainerinnen und -trainern und pädagogischen Fachkräften. In jeder Trainingsgruppe sind Pädagoginnen oder Pädagogen mit in der Halle, um individuelle Bedürfnisse aufzufangen und Entwicklung zu begleiten. Für viele Eltern ist genau das wichtig. Gemein erzählt von Familien, die seit Jahren nach einem Verein suchen - und überall hören, was angeblich nicht geht: Weil ein Kind nicht hört, weil ein Kind anders lernt, weil es mehr Zeit braucht. "Und dann kommen sie zu uns, spielen mit und fangen an zu lachen", sagt Gemein. "Am Anfang sind viele durch die Vorerfahrungen schüchtern, aber wie schnell die Kinder sich untereinander verstehen, das ist unfassbar."

Der Fußball hilft dabei auf eine Weise, die sich kaum in Konzeptpapieren abbilden lässt. Gemein spricht von der "Strahlkraft", von einem Zusammenhalt, "den kannst du sonst nirgendwo geben. Auf dem Platz zählt nicht, wer wem in der Schule aus dem Weg gegangen wäre. Plötzlich ist man ein Team, hat ein gemeinsames Ziel, feiert zusammen, nimmt sich in den Arm. Und: Man braucht nicht einmal zwingend Sprache. In dem Verein trainieren auch Kinder mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung. Vieles läuft über Mimik, Gestik, Rituale, über das gemeinsame Tun - über die Selbstverständlichkeit, dass jede und jeder dazugehört."

Dass diese Arbeit wahrgenommen wird, zeigen auch Auszeichnungen: Tobias Gemein wurde als "Person des Kölner Sports" geehrt und erhielt den "Ehrenpreis Bonner Sport". Für ihn sind das vor allem Signale, dass soziales Engagement im Sport nicht am Rand stehen muss. Besonders berührt hat ihn, wie es dazu kam: Nicht eine Eigenbewerbung, sondern Eltern, die ihn vorgeschlagen haben, "über 50", wie er erzählt. Eine Form von Wertschätzung, die zeigt, wie viel sich für Familien verändert, wenn ein Angebot wirklich passt.

Wie geht es weiter? Ein fester Ligabetrieb ist aktuell noch Zukunftsmusik - der junge Verein baut Strukturen auf, vieles liegt organisatorisch noch bei Gemein selbst. Aber Begegnungen gibt es bereits: Punktuelle Turniere, kürzlich zum Beispiel auch am DFB-Campus in Frankfurt, Kooperationen, Kontakte zu Vereinen, die das Thema ernst nehmen. Und dann sagt Gemein zum Schluss noch einen Satz, der so wichtig ist: "Fußball muss für alle da sein."

Autor-/in (fussball.de): Martin Schwartz
Foto: Tobias Gemein/fussball.de
Nach oben scrollen