Zum 16. Mal steht in diesem Jahr das DFB-Pokalfinale der Frauen in Köln an und zum ersten Mal wird der SV Werder Bremen um den begehrten Pokal spielen. Auch dabei: ein FVM-Talent mit ganz viel Köln im Herzen. Juliane Wirtz gehört seit 2023 dem Sport-Verein von der Weser an. Ihre ersten Versuche am Ball unternahm sie bei Grün-Weiß Brauweiler, danach folgte eine Karriere beim 1. FC Köln und Bayer Leverkusen. Auch in der FVM-Auswahl kickte die Mittelfeldspielerin. Grund genug für uns einmal im Interview nachzuhören, wie Julianes Gefühlslage vor dem großen Finale ist und was ihre Herkunft und ihre Familie ihr heute noch mitgeben.
FVM: Juliane, schön, dass du dir Zeit genommen hast, um mit uns zu sprechen und ein bisschen die Rückkehr in deine Heimat zu feiern.
Juliane Wirtz: *lacht* Für den FVM habe ich immer Zeit.
FVM: Du hattest jetzt länger schon mit einer Verletzung zu kämpfen und kommst deshalb in dieser Saison leider erst auf zehn Einsätze. Jetzt geht es so langsam wieder los.
Wie hast du dich in den letzten Wochen körperlich gefühlt?
Wie kurz stehst du vor der Rückkehr in den Kader?
Juliane Wirtz: Ja, also ehrlich gesagt: ich war noch nie so lange verletzt und irgendwann macht dich diese Reha auch kirre, weil alleine trainieren ist einfach nicht das, wofür man sich wahrscheinlich früher entschieden hat. Fußball ist ein Mannschaftssport und wenn man die ganze Zeit alleine trainieren muss, dann ist das schon echt mies.
Das macht weniger Spaß, aber es gehört auch leider dazu.
Da lernt man auch noch mal neue Dinge.
Ich bin angriffslustig, ich bin ready und freue mich erstmal auf Samstag gegen Jena [Anm. der Redaktion: 61 Minuten gespielt, 3:0-Sieg] zu spielen. Natürlich bin ich auch bereit für das große Highlight unserer Saison.
FVM: Auf das große Highlight kommen wir natürlich noch zu sprechen, aber du hast gerade die Saison angesprochen: Für euch ist das Finale natürlich das, was noch als großes Ziel über allem steht, dennoch steht ihr in der Liga im gesicherten Mittelfeld, habt die Chance, die Saison mit mehr Punkten als im vergangenen Jahr zu beenden.
Wie zufrieden seid Ihr mit der laufenden Saison?
Juliane Wirtz: Ich glaube, dass unsere Rückrunde dann doch ein bisschen schwieriger gestartet ist.
Da hätten wir vielleicht ab und zu noch mehr Punkte mitnehmen können, aber letztendlich stehen wir mit Punkten da, die sich zeigen können und haben jetzt noch mal die Chance eine historische Saison zu erreichen und darauf sind wir natürlich stolz.
Auch wenn wir jetzt dieses Highlight-Spiel haben, finde ich gehört es zu unseren Pflichten auch die Liga weiterhin ernst zu nehmen und da bleiben wir natürlich auch dran.
FVM: Die historische Saison hat sich ja auch an ein paar anderen Punkten gezeigt.
Ihr hattet euer Spiel im Weserstadion, dann dieses riesige Halbfinale gegen den HSV im Volksparkstadion.
Wie siehst du aktuell die Entwicklung insgesamt im Frauenfußball, aber vor allem bei euch bei Werder?
Juliane Wirtz: Generell entwickelt sich der Frauenfußball auf jeden Fall weiter.
Das ist sehr, sehr schön zu sehen. Auf der anderen Seite ist es gerade international vielleicht ein kleiner Leistungsknick. Natürlich kann man das irgendwo kritisch sehen, aber gleichzeitig ist es auch wichtig zu sagen: „Hey, wir sind schon weit, aber wir müssen auch noch weiterhin was tun“. Das ist eine sehr, sehr wichtige Erkenntnis für Fußball-Deutschland, weil wir irgendwann anfangen müssen, die Frauen besser zu unterstützen und für bessere Strukturen zu sorgen. Ich glaube, dass das nie komplett negativ ist, sondern dass man da auch viel mitnehmen kann.
Nichtsdestotrotz finde ich, dass der Frauenfußball sich natürlich weiterhin entwickelt und sehr gut entwickelt hat. Das sah man zum Beispiel jetzt auch am Pokal-Halbfinale gegen den HSV. Da war ich leider noch nicht im Kader, aber das Erlebnis vor Ort war unbeschreiblich. Wir sind gemeinsam mit dem Zug hingefahren und am Hauptbahnhof waren schon Tausende von Fans. Und da waren einfach Gespräche, wie ich das vom Männer-Fußball kenne, also da waren Männer Mitte 50, Frauen Ende 60, aber auch Kinder und alle Altersgruppen waren da, die sich einfach auf dieses Spiel gefreut haben.
Natürlich hauptsächlich HSV-Fans, die gesagt haben: „Ja, wir hauen Werder weg“ *lacht* aber mich hat es glücklich gemacht, dass diese Gespräche geführt wurden.
Im Stadion hat es gebrodelt und jedes Mal wenn der HSV einen Zweikampf gewonnen hat oder ein Pass super gespielt wurde - Es wurde immer gejubelt.
Die Fans waren immer dabei und ich habe das Gefühl, das hat sich in der letzten Zeit schon krass entwickelt.
Auch mit dem Spiel im Weser-Stadion. Das zeigt einfach, dass der Frauenfußball im Aufmarsch ist und mehr Leute begeistern kann. Und somit sagen auch viele Fans: „Ja, ich guck mir das mal an“.
FVM: Das Weserstadion-Spiel ist ein gutes Stichwort. Dort habt ihr gegen Bayer Leverkusen gespielt, im Pokal ebenfalls gegen Leverkusen und jetzt das Finale in Köln. Das ist schon fast alles ein bisschen zu kitschig für dich, oder?
Juliane Wirtz: *lacht* Ja, das kann man so sagen. Ich hätte wirklich gerne gegen Leverkusen im Pokal gespielt. Das tut als verletzte Spielerin schon extrem weh.
Aber die Mannschaft hat das super gemacht und ich habe sie vor Ort angefeuert.
Es ist schon irgendwie komisch, aber vor den Spielen realisiere ich das nie.
Ich lasse das alles erstmal auf Distanz, aber nach dem Spiel prasselt es dann alles auf mich ein. Wenn ich jetzt daran denke, dass wir im RheinEnergieStadion spielen: Ich war da früher Ballmädchen, ich habe auf den Vorwiesen die Turniere mitgemacht. Ich habe die Bands gehört, ich kenne also alles, was drumherum passiert, von klein auf und das ist einfach wundervoll und darauf freue ich mich sehr.
FVM: Das trifft ja auch ein bisschen auf deinen gesamten Karriereweg zu. Du hast so viel Zeit hier im Rheinland verbracht. Bist in Brauweiler groß geworden, hast in der FVM-Auswahl sowie beim 1. FC Köln und Bayer Leverkusen gespielt. Jetzt bist du das erste Mal aus dem Rheinland weg. Hast du dich denn so schon damit abgefunden? Gehört das vielleicht auch einfach zum Profi-Leben dazu?
Juliane Wirtz: Ja, das gehört zum Profil-Leben dazu. Ich weiß noch ganz genau, als ich diesen Schritt gemacht hab, wurde ich oftmals gefragt: „Bist du dir sicher? Möchtest du das wirklich machen? Ist Fußball deine Priorität, dass du sagst, du lässt deine Freunde, deine Familie zu Hause und gehst?“
Wie gesagt: Ich bin eine Person, die das dann am Anfang nicht immer so ganz checkt. Ich habe es dann gemerkt, als ich alleine war, alleine in meiner Wohnung, alleine meine Wäsche machen musste, mir alleine Essen machen musste, mich ja am nächsten Tag darum kümmern musste, was ich jetzt esse. Ich hasse diese Frage noch immer, aber: Es gehört dazu und ich habe das Gefühl, ich habe mich dadurch auch noch mal extrem entwickelt, sowohl menschlich als auch fußballerisch.
Es war eine Herausforderung, und die habe ich für mich - Stand jetzt - gemeistert und irgendwie bin ich darauf echt stolz, dass ich mich das getraut habe.
Früher hätte ich mir das nie im Leben vorstellen können, von zu Hause wegzugehen, weil ich mich einfach sehr, sehr wohl fühle in Köln, aber ich muss sagen, dass Werder und die Stadt Bremen ebenfalls auch mein Herz gewonnen haben.
Die Stadt ist natürlich kleiner als Köln, aber es ist wie so ein kleines Dörfchen, man trifft irgendwie immer jemanden.
Unsere sportliche Leiterin hat mir auch gesagt, „Das ist ein Dorf“, aber es ist einfach so und irgendwie hat das Flair, das hat was Cooles und ich fühle mich hier wirklich sehr, sehr wohl.
Dennoch komme ich auch sehr gerne nach Hause. Jedes Mal, wenn ich da mit dem Zug am Hauptbahnhof ankomme, den Dom sehe und den Rhein, dann merke ich schon, dass ich hier hin gehöre.
FVM: Man merkt dir auch an, dass dein Ursprung noch immer sehr präsent ist für dich. Wie regelmäßig ist denn der Weg für dich nach Hause? Wie eng ist die Verbindung noch?
Juliane Wirtz: Da kann ich gerade gut drüber reden, weil ich jetzt drei Monate zu Hause war, das war einerseits blöd, weil ich verletzt war, aber auf der anderen Seite war es auch schön. Ich war wieder bei meiner Familie, bei meinen Freunden und konnte häufig in der Stadt einen Kaffee trinken. Das hat mir irgendwo gefehlt. Ich habe mich fast jeden Tag entweder mit meinen Geschwistern getroffen oder mit meinen Freunden, habe morgens immer mit meinen Eltern gefrühstückt.
Es hätte mir auch schlechter gehen können. Dementsprechend waren die letzten drei Monate für mich eigentlich sehr luxuriös, ich hatte aber auch am Anfang der Zeit, als ich von zu Hause weggezogen bin, ein kleines Loch, dass ich auch oft mit Heimweh zu kämpfen hatte. Wenn dann doch mal drei oder vier Spiele hintereinander waren, habe ich mich schon nach meiner Heimat gesehnt.
Aber man findet dann doch irgendwie ein Wochenende oder einen Tag, an dem man schnell nach Hause flitzen kann und so groß ist die Entfernung jetzt auch nicht.
FVM: Wer sich viel mit Fußball beschäftigt, der kommt ja generell an deiner Familie nicht vorbei: Sowohl bei dir als auch deinem Bruder, spielt euer Vater, fußballerisch eine große Rolle, der auch immer noch in Eurem Heimatverein aktiv ist. Das ist aus heutiger Sicht, wie sich das Profigeschäft entwickelt hat, schon etwas Besonderes. Siehst du das auch so und wie würdest du jetzt Brauweiler in deiner Vita und in deinem Gefühlsleben beschreiben?
Juliane Wirtz: Auf jeden Fall ist das etwas sehr Besonderes, dass Papa immer unser Trainer war. Für mich war es auch jeden Sommer perfekt, weil ich immer einen Schlüssel für den Sportplatz hatte.
Das vergisst die männliche Fußballwelt oft auch mal, dass unsere Mama uns ebenfalls sehr, sehr viel mitgegeben hat, damit wir da sind, wo wir sind. Auch bezüglich Flori [Anm. der Red.: Florian Wirtz], der viele koordinatorische Fähigkeiten hat, die die wir früher gelernt haben und darauf hat unsere Mama sehr viel Wert gelegt. Dieses Zusammenspiel von Mama und Papa hat uns echt extrem viel geholfen, sodass wir dann jeden Tag auf den Fußballplatz gehen konnten.
Ich habe, als ich noch beim FC gespielt habe, trotzdem – was glaube ich niemand weiß - bei Papa immer mal wieder mittrainiert, mit den Jungs in meinem Alter, also ich hatte immer eine besondere Verbindung zu Brauweiler.
Wir haben natürlich an Karneval auch immer einen Zug, wo ich mitgehe, bei Grün-Weiß, ich bin sehr gerne zu Hause, am Platz oder wenn ich durch den Abtei-Park gehe, also ja, das ist schon noch alles sehr präsent.
FVM: Würdest du sagen gerade diese Verbindung zur Basis und dem Grundstock, der im Amateurbereich gelegt wird, nochmal ein bisschen wichtiger für die Entwicklung ist?
Juliane Wirtz: Ja, auf jeden Fall. Ich habe ab der U11 beim FC gespielt und ich kann mich in dem Sinne nicht beklagen. Ich hatte eine super Jugend, ich hatte sehr viele Möglichkeiten, aber ich kann auch sagen, dass viele Mädels in meinem Alter nicht das Glück hatten, bei einem Verein zu spielen, der noch die Kraft für eine Mädchen- oder Frauenabteilung hat.
Ich finde, es ist sehr, sehr wichtig, dass man das auch weiterhin ausbaut.
Ich hoffe, ich wünsche mir für alle Mädels, dass es irgendwann auch mal ein NLZ [Anm. der Red.: Nachwuchsleistungszentrum] für den Frauenbereich gibt. Wenn man sieht, wie die Jungs aufwachsen, was sie für Möglichkeiten haben, dann ist das noch keine Gleichberechtigung.
Und da bin ich auch eine große Verfechterin von und hoffe, dass das irgendwann möglich ist, dass Mädels auch in ein NLZ gehen können und sich somit weiterentwickeln können.
FVM: Vor allem bei Events wie dem DFB-Pokalfinale der Frauen merken wir, dass diese Begeisterung da ist. Du hast diese Mädchenturniere mitgespielt, auch dieses Jahr sind diese wieder innerhalb von Minuten ausgebucht gewesen. Wir haben dieses Jahr über 110 Teams dabei. Beschreibe gerne dein Gefühl wie das ist als junges Mädchen vor dem RheinEnergieStadion zu spielen und zu wissen:
„Ja, die Profis, die kommen später, aber jetzt habe ich hier meinen Moment, vor ganz vielen Leuten, die ich auch noch nie gesehen habe.“
Juliane Wirtz: Ich glaube, ich habe das nie so wahrgenommen, dass da viel mehr Menschen zugucken. Wir haben halt gespielt, weil wir das gerne gemacht und wir auch oft gewonnen haben. *lacht*
Das war schon ganz cool und da gibt es ja auch immer die Möglichkeit, nach dem Turnier ins Stadion zu gehen.
Also es ist die perfekte Mischung, dass man selber was macht, dass man kölsche Musik hören und dann aber auch ins Stadion gehen kann.
Ich hatte dann das Glück, dass ich auch mal Ballmädchen im RheinEnergieStadion sein durfte.
Also es ist so besonders, und es ist so was Cooles und ich finde das so cool, dass du jetzt auch sagst, dass so viele Vereine da auch mitmachen. Da merkt man einfach, dass der Mädchen- und Frauenfußball bereit ist und dass die Menschen die Türen einlaufen und das ist so schön zu Hören, weil man sieht, dass da Potenzial da ist und das ein Grundstein gelegt ist.
Und hoffentlich wird der einfach auch gut verbaut und gut eingesetzt und versät, so dass daraus noch mehr noch mehr wachsen kann. Das habe ich im Gefühl, dass es in der nächsten Zeit so passieren wird und das freut mich sehr.
FVM: Erstmal hast du den Sprung von hinter der Bande auf den Rasen geschafft.
Jetzt bist du dann nicht mehr Ballmädchen, sondern darfst aktiv mitwirken am Finale. Du hast bereits gesagt, die Saison läuft noch, ihr habt noch ein paar Ziele: Aber RheinEnergieStadion, das erste Mal Einlaufen, die deutsche Hymne und dann dieses Finale spielen zu dürfen - Das ist schon ein würdiger Rahmen, auch für dich persönlich, oder?
Juliane Wirtz: Ja, auf jeden Fall. Ich hoffe, ich darf dann auch dran teilnehmen.
Es ist natürlich immer schön zuzuschauen, aber ich glaube, man möchte dann auch gerne mitwirken. Das habe ich eben schon gesagt. Wir sind nicht bei den Bundesjugendspielen und kriegen eine Teilnehmerurkunde.
Wir wollen aktiv dabei sein und das Geschehen auch mit beeinflussen.
Natürlich ist das Drumherum toll, dass wir da einlaufen und so viele Menschen da sind. Aber letztendlich ist das für uns keine Spaßveranstaltung. Wir können einen Titel gewinnen.
Natürlich wird das schwer, aber es ist ja im Fußball, wie man so schön sagt, alles möglich. Wir müssen alles geben und Paroli bieten, damit wir gut mithalten können.
Fotos: Christof Koepsel/Juliane Wirtz privat
